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MEDIA BIZ März 2019

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österreichisch-ägyptische schaffen produktion zurück zum Inhalt Fast ein Wunder aus Kärnten Abu Shawkys Debutfilm „Yomeddine“ schaffte es letztes Jahr auf Anhieb in den Wettbewerb nach Cannes. Wo es zwar für keinen Palmwedel, aber immerhin für den renommierten Prix François Chalais reichte. Shawky hat in Kairo und an der NYU Film studiert und seine Sommerferien in Kärnten verbracht, im Land aus dem seine Mutter kommt. Text: Wolfgang Ritzberger Abu Bakr Shawky © TIMOTHY KALDAS Beim K3 Festival im Dezember in Villach, wo es Fritz Hock gelungen ist, Film und Regisseur zur Österreich-Premiere zu holen, stand Abu Bakr Shawky umringt von Freunden und Verwandten im Foyer des Stadtkinos und plauderte mit ihnen – unverkennbar im Kärntner Dialekt. Seine Eltern, sein Vater ist Arzt in Kairo, pflegten zunächst eine fast zehn Jahre dauernde Brieffreundschaft, bevor es „funkte“ und die Mutter nach Ägypten zog. Aber sie hatte so viel Kärnten mitgenommen, dass der Sohn zwar in Ägypten aufwuchs, aber mit drei Sprachen – Arabisch, Deutsch (Kärntner Dialekt) und Englisch – und mit viel Gefühl für seine zweite Heimat Österreich. Die Ferien verbrachte er bei seiner österreichischen Familie, meist am Campingplatz des Großvaters am Faaker-See. „Mich hat beides geprägt, und ich bin in beiden Kulturen zu Hause und gleichzeitig in beiden Kulturen ein Fremder“, so Shawky. Sein Debütfilm wurde zwar als erster ägyptischer Film, der es in den Wettbewerb von Cannes geschafft hat, gefeiert, gilt aber – zwar nur von wenigen Zeitungen und vom offiziellen Filmösterreich gar nicht beachtet - als österreichisch-ägyptische Produktion und somit 2018 als einziger Beitrag mit Österreichbezug an der Croisette. Nun mag es ein ägyptisches Roadmovie, das die Geschichte eines von Lepra gezeichneten Mannes auf der Suche nach seiner Familie erzählt, begleitet von einem nubischen Waisenkind, zwar in den Wettbewerb eines der renommiertesten Festivals geschafft haben, muss deswegen aber nicht unbedingt im Kino funktionieren. Die „Fachleute“, diesmal die in Ägypten, haben „Yomeddine“ keine zwei Wochen im Kino prophezeit, geworden sind es mehr als acht Wochen, und der mehr als bemerkenswerte Hauptdarsteller Rady Gamal ist heute ein Filmstar. Zwar geheilt, aber gezeichnet von der Lepra betreibt Gamal ein Cafe in einem Lepradorf, wo ihn Abu Shawky entdeckt und sein Talent erkannt hat. „Die Idee zu dem Film“, erzählt er, „hatte ich schon vor zehn Jahren, als ich noch als Student der Filmakademie in Kairo eine Dokumentation über dieses Lepradorf drehte.“ Lepra ist eine verschwundene Krankheit, da sie seit Jahrzehnten bereits im Frühstadium vollständig geheilt werden kann. Die Lepradörfer am Rande der Zivilisation existieren aber immer noch, und immer noch leben dort Menschen, die zwar geheilt, aber gezeichnet, oft auch entstellt sind. Mit der Geschichte dieser Menschen war Shawky in der Dokumentation erstmals konfrontiert, in den Interviews beklagen sie, dass sie oft nichts über ihre Herkunft, ihre Familien wissen. Sie wurden der Krankheit wegen verstoßen und gemieden, Lepra stigmatisiert bis heute. Abu Shawky verdichtete diese Geschichten zu einem berührenden, aber überhaupt nicht melodramatischen oder wehleidigen Spielfilm. Er führt in ein Ägypten, das wir, und auch gar nicht wenige Ägypter, so nicht kennen. Er schickt die Protagonisten mit einem Eselskarren auf die Suche nach der Familie des von Rady Gamal gespielten Beshay, begleitet von einem nubischen Waisenkind, der ihm im Lepradorf bei der Arbeit, die Müllhalden der Großstadt nach Verwertbaren zu durchsuchen, geholfen hatte. Shawky zeigt uns die Nischen, in denen Menschen mit zum Teil extremen Behinderungen und unter extremen Bedingungen leben, ohne sie als Freaks für den Film zu missbrauchen. Etwa der Busfahrer, der bei einem Unfall seine Beine, aber weder seinen Mut noch sein selbstbewusstes Auftreten verlor. Er und seine Gefährten wohnen und leben sprichwörtlich zwischen der Zivilisation. Die Szene, in der diese kleine Truppe Außenseiter in ein verlassenes Kinderheim eindringt, um aus den verstaubten Akten eine neue Identität für die beiden Protagonisten zu zaubern, wird gekrönt durch eine wahrscheinlich auf der ganzen Welt gültige Bemerkung über die Bürokratie, die selbst, so der Dialog, in den Ruinen eines Kinderheimes überlebt. „Der Film hat die Geschichte dieser Menschen und die Existenz der Lepradörfer wieder ins Bewusstsein gerufen und eine lebhafte Diskussion darüber verursacht“, erzählt Shawky. Filmland Ägypten Ägypten ist nach Hollywood und Bollywood weltweit die Nummer drei in Sachen Filmproduktion. Und Ägypten hat auch eine lange Tradition in dieser Kunst, gleichzeitig mit Hollywood feierte auch das Land am Nil in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein sogenanntes „Golden Age“ des Filmbusiness. Für Feinschmecker der internationalen Produktionslandkarte sei übrigens Nigeria empfohlen, das sich in den letzten Jahren anschickte, zu den drei genannten Filmländern aufzuschließen. Für Ägypten ist der Markt der nahe Osten, Millionen Menschen wollen auch dort im Kino unterhalten werden. Natürlich sind die Bedingungen ein klein wenig anders, im Land der Pharaonen muss jedes Drehbuch durch die Zensur, und man braucht nicht viel Fantasie um sich auszumalen, dass Politik und Sex hier nicht zum Blockbuster taugen. Außerdem ist das Element „Markt“ als bestimmendes Korrektiv im nahen Osten durchaus stärker als etwa in Europa – alleine in Ägypten leben rund 100 Millionen Menschen, im theoretischen Einzugsgebiet leben mehr Menschen als in den USA, die ja als „Mutter der Marktwirtschaft“ gelten. So ist auch „Yomeddine“ zwar kein Film, der reich macht, wie es Shawky ausdrückte, aber er ist, soviel weiß er schon, auch kein Verlust für die Produzenten, wobei es in der MEDIA BIZ

zurück zum Inhalt österreichisch-ägyptische schaffen produktion Familie bleibt, denn Dina Emam, die Majoritätsproduzentin, ist Abus Gattin. Und das muss mal einer dem ägyptischen Kärntner und seiner Frau nachhüpfen. Ob es einen Filmstart in Österreich geben kann, steht noch in den Sternen. Der Mut heimischer Verleiher ist, wenn keine Verleihförderung winkt, enden wollend. Bei der Österreich-Premiere in Villach war das Publikum mehr als begeistert, für Abu Shawky natürlich auch ein Heimspiel. Die Zeit in Kärnten nutzte er auch für Recherchen - einer seiner nächsten Filme könnte dann ein Thema aus Kärnten aufgreifen, Stichwort Slowenen. Für Aufmerksamkeit ist also auch weiterhin gesorgt. Du lebst in Ägypten, bist dort aufgewachsen. Wir kennen Ägypten als Hotspot aus dem arabischen Frühling, und auf der Seite des Außenministeriums gibt es eine immer noch aktuelle Reisewarnung für deine Heimat. Wirklich, ich hab das noch gar nicht bemerkt. Also, ich fühle mich überhaupt nicht unsicher hier, und ich habe mich hier auch nie unsicher oder bedroht gefühlt. Da ist das Risiko, in den USA niedergeschossen zu werden, wahrscheinlich ungleich höher. Ich habe die deutsche Schule in Kairo besucht und habe dann die Filmakademie absolviert. Die Sommer habe ich in meinem zweiten „Daheim“ in Kärnten, meist bei meinem leider schon verstorbenen Großvater, verbracht. Ich kann hier in Ägypten sehr gut als Regisseur und Filmschaffender arbeiten. Ägypten ist eines der Zentren der Filmindustrie, weltweit. Du kennst ja auch die Entertainment- Industrie in den USA. Welche Unterschiede siehst du? Nach dem Abschluss an der Filmakademie in Kairo habe ich mich für die NYU-Tisch School of the Arts beworben. Ich wollte es einfach wissen, die nehmen jedes Jahr nur drei Prozent der Bewerber auf. Und siehe da, es hat geklappt, und so saß ich dort in einer der fünf berühmtesten Filmschulen der Welt, wo Spike Lee als Direktor amtiert. Der größte Unterschied dort war, dass dieses Gefälle zwischen Studenten und Professoren, also die Studenten wissen gar nix und die Professoren wissen alles, nicht existiert. Dort lernen alle voneinander, und vor allem ist das sehr international. In meiner Klasse waren von den 36 Studenten nur zehn aus den USA, der Rest kam aus der ganzen Welt, was den Unterricht auch geprägt hat. Die Filmindustrie selbst unterscheidet sich dann gar nicht so großartig. Am Set gibt es fast keine Unterschiede, weder in technischer Hinsicht noch von der Arbeitsweise her. Nur die bürokratischen Hürden sind in Ägypten ein wenig höher, der Papierkram ist schon recht umfassend, aber das weiß man, und es gehört halt dazu. Natürlich wird in Ägypten mehr Mainstream produziert, was aber mit der Finanzierung zusammenhängt. Fördert der Staat auch in Ägypten die Filmschaffenden? Ja, aber nicht in dem Ausmaß wie etwa in Europa. Es gibt Kommissionen und Fonds, aber ich würde mir mehr davon wünschen, damit auch die vielen jungen Absolventen der Filmschulen und der Universität eine Chance bekommen. Die großen Produktionsfirmen arbeiten in Ägypten für einen großen Markt und unter ähnlichen Bedingungen wie etwa in den USA. Gibt es Themen, die von der Zensur nicht gern gesehen werden? Ja, klar, wobei sich die Zensur- Behörden große Mühe geben, tolerant zu sein, also das ist schon deutlich sichtbar, dass sich die Behörden sehr um Toleranz auch gegenüber kritischen Themen bemühen. Wobei es ganz klare Tabus gibt, Sex und Politik etwa, das ist aber auch kein Geheimnis. Trotzdem, was Hollywood für die USA und Europa macht, macht die ägyptische Filmindustrie für den nahen Osten. Wie hast du die Schauspieler für deinen Film „Yomeddine“ gefunden? Waren das alles Laiendarsteller? Nicht alle, aber der Hauptdarsteller Rady Gamal ist mir in dem Lepradorf aufgefallen, wo er ein Cafe betreibt. Er ist wirklich eine Entdeckung. Der beinamputierte Busfahrer zum Beispiel war eher eine zufällige Entdeckung. Der Schauspieler, der diese Rolle spielen sollte, erschien nicht zum Dreh, und so musste uns schnell etwas einfallen. Zufällig kannte jemand den späteren Darsteller. Die meisten Rollen wurden mit Schauspielern besetzt, die bis dahin kaum aufgefallen und völlig unbekannt waren. Heute sind sie alle sehr bekannt und gut beschäftigt, und Rady Gamal ist so etwas wie ein Filmstar geworden. Deine Pläne für die Zukunft? Zunächst etliche Filmpremieren, der Film hat jetzt Premiere in Jordanien und dann in Tschechien, und so geht’s noch weiter. Mein nächster Film, da gibt es mehrere Möglichkeiten, es könnte etwas über die Musikindustrie in Ägypten werden oder über die Geschichte der Slowenen in Kärnten. Herzlichen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg! Fotos: Desert Highway Pictures © Abu Shawky MEDIA BIZ

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